Das Entweder / Oder in der industriellen Landwirtschaft

Im Kontext Naturschutz stellt sich häufig die Frage: "Was ist eigentlich intakte Natur?" und "was braucht es dazu?". Diese Frage zu beantworten ist einerseits sehr einfach, andererseits im Detail doch sehr komplex. Intakte Natur, na ja, das ist alles, was ohne den Einfluss des Menschen im sog. "ökologischen Gleichgewicht" funktioniert. Und genau da wird es kompliziert – aktuell tatsächlich sogar global, in jedem Falle aber auf Deutschland bezogen. Wo gibt es denn hier in Deutschland noch Natur, ohne den Einfluss von Menschen? Genau. Gar nirgends. Seit Ende der letzten Eiszeit besiedelt der Mensch Europa und Deutschland. Bereits vor 600 Jahren wurden die Auerochsen ausgerottet, Bisons sucht man hierzulande vergebens, genauso – von einigen Ausnahmen abgesehen – weitere große Landsäugetiere wie Bären, Wölfe und Co.

 

Jetzt haben wir uns aber nur einen winzigen Teil der Fauna angesehen, also der Tierwelt. Die Pflanzenwelt gehört ja auch zur Natur. Um es abzukürzen: Intakte Natur gibt es hier nicht mehr und das schon seit mehr als 1.000 Jahren. Trotzdem funktionierte unser ökologisches System noch immer einigermaßen bis vor etwa 80 Jahren.

 

Flächen, welche Auerochsen, Bisons, Wildpferde und andere wilde Vorfahren unserer heutigen Nutztiere an Aufwuchs abfraßen, wurden mager. Diese mageren Flächen wurden von Pflanzen besiedelt. Es entstanden Tier- und Pflanzengemeinschaften. Gemeinschaften, die aufeinander angewiesen waren bzw. voneinander abhängen. Nach der letzten Eiszeit führte der Mensch fort, was Grasfresser zuvor erledigten. Er trieb seine Schafe, Ziegen, Rinder und Pferde über die kahlen Hänge oder stellte sie auf die Weide. Dies führte dazu, dass die Hänge mager blieben. Dünger war Mangelware. So war Europa geprägt von mageren Wiesen. Die mehr als 450 einheimischen Wiesenpflanzen passten sich an diese Verhältnisse an und versorgen einen Großteil der bei uns heimischen Insekten. Und diese wiederum sind Grundlage für viele weitere Tierarten wie Amphibien, Vögel und kleine Säugetiere. Je mehr verschiedene, einheimische Pflanzen also wachsen, umso mehr Arten können darauf aufbauen. Auf Magerwiesen wachsen bis zu 450 verschiedene einheimische Blumen und Kräuter. Insgesamt gibt es in Deutschland über 4.500 einheimische Pflanzenarten, über 5.000 Pilzarten, es gibt etwa 550 Arten von Wildbienen, 3.000 Arten von Nachfaltern, 175 Tagfalterarten, 1.000 Arten von Wanzen, 6.000 Käferarten, 7.000 Arten von Fliegen, und ca. 80 Libellenarten.

 

Alle sind von einem ganz speziellen Angebot in der Natur abhängig. Manche von Feuchtwiesen, mit temporär stehendem Wasser. Manche von kleinen, sauberen Fließgewässern, andere bevorzugen offene Brachlandschaften oder morsches vor sich hin verrottendes Holz, etwa der Nashornkäfer.

 

Das ökologische Gleichgewicht existierte also weiter, solange der Mensch keinen all zu großen Einfluss drauf ausübte.

 

Seit Ende des zweiten Weltkrieges nun machte nicht nur die Medizin enorme Fortschritte, auch die Landwirtschaft profitierte vom technischen und wissenschaftlichen Fortschritt.

Von Traditioneller Landnutzung zu moderner Landnutzung

Die heutige Landwirtschaft fährt durch technische und chemische Hilfsmittel heute Ernten ein, wie nie zuvor in der Geschichte. Jede Fläche wurde im Laufe der Zeit urbar gemacht. Die Arbeit für die Landwirte wurde einfacher, die Schinderei weniger. Heute sind wir vor Missernten weniger in Gefahr, als noch vor 80 Jahren. Ein Zurück wäre also auch nicht sinnvoll.

 

Der Erfolg zeigt sich auch in der Bevölkerungszahl. Diese verdoppelte sich allein in den vergangenen 80 Jahren und damit auch die Fläche für Städte, Dörfer und die dafür benötigte Infrastruktur.

 

Was dabei leider mehr und mehr auf der Strecke blieb, war die Natur. Es wurde keine Rücksicht mehr darauf genommen, welche Tiere und Pflanzen welche Lebensräume in den vergangenen Millionen von Jahren erfolgreich besiedelt hatten, welche Wechselwirkungen daraus entstanden. Eine Pflanze nach der Anderen, ein Tier nach dem anderen verschwand. Sie wichen hoch effizient bewirtschafteten Flächen und versiegelten Böden in Städten und Dörfern.

 

Dies wäre ja soweit auch gar kein Problem, gäbe es nicht manche Menschen, welche es schön finden, einen bunten Schmetterling fliegen oder eine bunte Blumen sprießen zu sehen. Wenn wir die ganze Artenvielfalt gar nicht brauchen, um zu überleben und künstliche Welten unserer Seele genug Nahrung bieten, haben wir kein Problem – oder?

 

Gut, es ist nicht belegt, wie viele Arten es braucht, damit das ökologische Gleichgewicht stabil bleibt. Es kann sein, dass am Ende, wenn es nur noch Menschen auf Erden gibt und deren Nutztiere, wir noch immer leben können. Andere Szenarien behaupten, ohne ein stabiles Ökosystem können wir nicht leben. Wir bräuchten Insekten zur Bestäubung auch von Nutzpflanzen und, damit diese leben können, brauchen wir viele verschiedene Pflanzen und Lebensräume. Damit sich Pflanzen verbreiten können, braucht es etwa Tiere, die ihren Samen fressen und anderswo ausscheiden (Vögel etwa) oder andere Tiere, welche Samen von Pflanzen durch ihr Fell abstreifen und so verbreiten (Füchse, Wölfe, anderes Wild).

 

Über all diese Zusammenhänge wissen wir schon sehr viel, doch anscheinend noch zu wenig, um sicher sagen zu können, ob wir diese Kreisläufe zum eigenen Überleben brauchen oder nicht.

 

Die industrielle Landwirtschaft zumal stellt sich diese Frage bisher kaum. Sorgten früher Bauern mit ihren wenigen Tieren noch dafür, dass das Ökosystem weiterhin funktionierte, ja trugen sie zum Teil sogar zur Vermehrung einiger Arten bei, so kippt das Gleichgewicht seit 80 Jahren so massiv, dass kaum noch eine Wildpflanze und ein Wildtier übrig ist.

Die industrielle Landwirtschaft

Die industrielle Landwirtschaft schreibt sich auf die Fahne, die Weltbevölkerung zu ernähren und behauptet, nur durch diese Art der Bewirtschaftung könne der globale Hunger eines Tages besiegt werden. Übersehen wird dabei, dass die Vereinheitlichung der Landschaft für fast alle unsere Tiere und Pflanzen das Aus bedeutet hat. Abgesehen von einigen wenigen Arten, die vom Wandel profitieren.

 

Die Natur hat es so eingerichtet, dass jede Nische besetzt ist. So kommen in Gewässern im Schatten andere Lebewesen vor, als in Gewässern in der Sonne. In Flachen, temporären Gewässern finden wir etwa Gelbbauchunken, Kreuzkröten, Wechselkröten – das heißt, fanden wir, denn ihr Lebensraum existiert kaum mehr. In tiefen Gewässern treffen wir auf Wasserfrosch und Seefrosch, Teichmolch und Kammolch. Der Laubfrosch, unser früherer Wetterfrosch, ist vom Aussterben bedroht. Sein Lebensraum in flachen Gewässern mit wenig Bewuchs und guter Wasserqualität, auf Wiesen mit vielen Insekten, umrandet von Bäumen und Reisighaufen zur Überwinterung ist aus unserer Landschaft quasi gänzlich verschwunden. 1/4 all unserer einheimischen Käfer sind auf Totholz angewiesen. Hornissen bauen damit ihre Nester, viele Wildbienen brüten in Löchern in toten Holz.

 

Dies alles übersehend kommt nun die industrielle Landwirtschaft und macht aus unserer Natur eine Fabrikhalle ohne Dach über die tonnenschwere Maschinenen gezogen werden. Die Landschaft ist gänzlich ausgeräumt. Alles mit der Rechtfertigung der fortwährend größer werdenden Weltbevölkerung und davon ausgehend, dass die Artenvielfalt vernachlässigbar sei.

 

Wiesen werden gedüngt, was dazu führt, dass aus Magerwiesen mit 450 Pflanzen und mehr Fettwiesen mit einigen wenigen Zuchtgrasarten bis maximal 90 Pflanzen werden. Diese Wiesen werden auch bis zum Rand gemäht, vielfach im Jahr. Es ist für Insekten, welche auf bestimmte Planzen angewiesen sind, vielleicht auf den gesamten Lebenszyklus einer Pflanze, wie etwa die Wiesenmargeriten-Bohrfliege, absolut ausgeschlossen, hier weiter leben zu können und so verschwindet sie und mit ihr alle Tiere, die auf sie aufbauen. Die Malven-Langhorn-Biene etwa stellt eine weiter vom Aussterben bedrohte Art unserer Kulturlandschaft dar. Sie lebt auf mageren Hängen aus Sand. Sie brütet im Boden und ernährt sich ausschließlich von Nektar und Pollen der Malven (und zwei weiteren Futterpflanzen). Wo finden wir noch Malven auf den Wiesen der Industrie-Bauern? Wo finden wir magere Flächen, die nicht gedüngt werden?

 

Die industrielle Landwirtschaft nutzt jede Wiese bis zum Rand und düngt sie für mehr Ertrag. Feuchte Stellen sind in diesen Wiesen nicht zu gebrauchen und so werden sie trocken gelegt. Unken, die hier wieder Heimat finden hätten können, finden sie weiterhin nicht mehr.

 

Weiterhin zählt das Argument der Ernährung der Weltbevölkerung und damit ein entweder / oder. Entweder satte Menschen, oder intakte Natur. Für mich dürfte das kein Widerspruch sein.

Der Mythos welternährung durch industrielle Landwirtschaft

 Dieses Mantra “Ohne der modernen Landwirtschaft verhungern wir” ist aus meiner Sicht eine Imagekampagne der Chemie- / Saatgut- / und Düngemittel-Lobby auf Kosten der Umwelt, vieler Verbraucher und vor allem auch auf Kosten von Landwirten.

 

Wenn Landwirte Kombipakete Saatgut und Pflanzenschutz kaufen, um den höchsten Ertrag zu erzielen, werden sie ihrer Fähigkeit entmündigt, selbst ihr Getreide für das Folgejahr nachzuziehen und durch ihr Können für Abwechslung auf dem Markt zu sorgen. Viel mehr noch, viele moderne Getreidesorten sind absichtlich nicht mehr keimfähig, damit die Landwirte erneut beim Konzern kaufen müssen. Dies ist ein Fakt, der kaum den Landwirten schmecken dürfte.

 

Unterstützt werden diese Praktiken von Herstellern großer und immer größer werdender Erntemaschinen. Nur, wenn der Landwirt ständig eine neue noch effizientere Maschine braucht oder eine, die neuen Vorschriften folgt, klingelt die Kasse. Dies gefällt der Politik, die auf Wirtschaftswachstum aus ist.

 

Die EU-Politik ist außerdem auf Globalisierung aus. Wir dürfen den globalen Wettbewerb nicht verlieren, heißt es da und der Logik des immer währenden Wirtschaftswachstums folgend, stimmt das ja auch. Daher müssen wir Lebensmittel produzieren, die ebenso günstig sind, wie anderswo, wo das Lohnniveau mit dem von Deutschland oder in der EU nicht vergleichbar ist. Dies gelingt durch Quersubventionierungen und Steuergelder.

 

Hier gewinnen alle: Politiker, Handelskonzerne, Chemie- / Saatgut- / Düngemittelkonzerne, Hersteller von landwirtschaftlichen Maschinen und am Ende sogar der Verbraucher, der günstige und günstigste Lebensmittel kaufen kann und sein übriges Geld dann in weitere – häufig unnötige – Konsumgüter stecken kann, tada, die Wirtschaftsmaschine läuft.

 

Und wer verliert dabei?

Zum Teil der Landwirt, da er gefangen ist in diesem System. Er kann fast nicht anders, nach einigen Krediten und nachdem er sich spezialisiert hat, sich auf das einzulassen, was da angeboten wird von den Konzernen und gefordert wird von der Politik. Er muss weiter mitwachsen, ob es ihm schmeckt oder nicht. "Wachse oder weiche!" Dieses Motto der Politik stellte der Bauernverband schon vor Jahrzehnten fest und viele Landwirte spielten mit. Wachstum wird ja auch politisch subventioniert, es geht nach Fläche, nicht nach Art der Bewirtschaftung. Daher muss ja jede Fläche bis zum Rand genutzt werden, ist logisch.

 

Konzerne können es sich leisten, Leute in die Politik zu bringen und zu bezahlen, damit Gesetze entstehen, die ihre Praktiken noch rentabler machen und das Ergebnis lässt sich in unseren Landen wunderbar betrachten. Landwirte nutzen jeden Quadratmeter den sie haben, vermutlich wird dies sogar kontrolliert, sonst werden Subventionen gekürzt. Und Landwirte nutzen auch deshalb jeden Quadratmeter, um ihren Profit zu maximieren, manchmal dient dies dem schieren Überleben mit dem eigenen Betrieb. Denn Flächen sind rar. Gemeinden weisen Bauland aus, Flächenspekulanten kaufen in großem Stil Land, um es dann an Landwirte zu verpachten.

 

Die größten Verlierer industrieller Landwirtschaft sind die Umwelt und zum Teil ausländische Märkte und davon abhängige Menschen. Die Natur wird benutzt zur effizienten Gewinnung von Lebensmitteln. Ein massiver Artenschwund ist die Folge, belegt durch eine Unzahl an Studien. Naturnahe Flächen die naturnah gepflegt werden widersprechen dem Effizienzgedanken in der industriellen Landwirtschaft. Dies wird auch von den Landwirten mit denen ich gesprochen habe nur von wenigen bestritten.

 

Wenn Lebensmittel aus Überproduktion dann auf Kosten der Umwelt (Co2-Ausstoß), rentabel gemacht durch Quersubventionen und höchste Effizienz zu niedrigsten Lohnkosten, dann einmal um den halben oder ganzen Erdball geliefert werden, machen sie Märkte vor Ort kaputt. Kein Bauer in Afrika braucht anfangen, Hühner zu züchten und zu verkaufen, wenn die Überproduktion aus der EU geliefert wird, um im Herkunftsland die Preise nicht komplett in den Keller fallen zu lassen, damit die Landwirte es noch einiger Maßen schaffen, sich über Wasser zu halten und die nächste neue Maschine, das nächste hoch effiziente Saatgut-Pestizid-Kombipaket zu kaufen.

 

Dabei wird es für die Landwirte immer schwieriger, rentabel zu arbeiten, weil durch den Handel die Preise immer weiter in den Keller getrieben werden. Hier wird behauptet, dies sei ja notwendig, damit sich auch schlechter verdienende Leute Lebensmittel leisten können. Fakt ist, dass genau durch diese “Logik” eine Abwärtsspirale in Gang kommt, die genau eben solche prekären Arbeitsverhältnisse schafft, die dann weiter nach etwas billigem greifen. Der globale Preiskampf kann am Ende die Schraube nur durchdrehen und schon wieder verliert die Natur und jeder einzelne an der Kette beteiligte Mensch.

 

Gewinner sind einige wenige Menschen, die ganz oben in der Kette stehen. Konzernchefs, -manager und Eigentümer von Welthandelskonzernen sowie Politiker, die an diesen Machenschaften mit verdienen.

 

Seit mehr als einem halben Jahrhundert schützen Naturschutzverbände die Artenviefalt. Ohne dieses Engagement wären viele Pflanzen und Tiere bereits ausgestorben, ohne, dass es jemand bemerkt hätte.

 

Moderne Landwirte kennen keine Wiesenpflanzen- und Kräuter mehr, seit sie keinen Nutzen mehr haben für sie und die Bevölkerung. Seit wir alles in Discountern und in Apotheken kaufen können ist es nicht mehr nötig, Gehölzarten in Feldgehölzen, alte Obstbaumsorten oder Heilkräuter zu kennen und wozu wir sie einst nutzten. Viele alte Apfelsorten etwa werden erst nach dem ersten Frost genießbar, so lassen sie sich lange lagern und genießen. Als dies noch eine Rolle spielte, kamen viele Pflanzen in unserer Natur schlicht noch vor, da die Menschen sie für ihre Hausrezepte oder für das Strecken von Getreidebrei für ihre tägliche Malzeit brauchten. Feldraine wurden gemäht. Ärmere Bauern ließen ihre Schafe auf öffentlichen Flächen grasen. Die Heilkräuter wurden erhalten und geschätzt. Es wurde sich Zeit genommen, dies zu tun. Das Bewusstsein war in der Bevölkerung gegeben. Eine Dame erzählte mir kürzlich, ihr Großvater, ihr Vater und auch ihr Bruder seien alle Landwirte gewesen. Ihr Vater habe Feldraine noch gepflegt. Der Bruder nun habe sie überackert, wohl diese oftmals Eigentum der Gemeinde sind und nicht Eigentum der Landwirte, doch wird sich vielerorts nicht darum gekümmert. Der Vater kannte die Heilkräuter, der Bruder lege mehr Wert auf den effizienten Einsatz seiner Maschinen. Der unmittelbare Zusammenhang zwischen Natur und der Ernährung und dem Wohlergehen er Menschen war noch vor ein- bis zwei Generationen spürbar. Heute ist dieses Wissen und Bewusstsein weitestgehend verloren. Eine Kräuterwanderung hat heute Event-Character, wie auch das Pflücken von Beeren oder Obst auf dem örtlichen Acker. Verbraucher wissen heute häufig nicht mehr, wie ihre Lebensmittel erzeugt werden und wo sie her kommen.

 

 

Zugegeben, glücklicher Weise sind wir über die Zeiten hinaus, dass wir Getreidebrei mit Blättern der großen Klette strecken mussten um satt zu werden, doch … wie lange geht das noch gut, eine vollkommene Abkopplung der Menschen von Kreisläufen der Natur? 

 

Fazit

Die Hungernden der Welt sind durch moderne Landwirtschaft nicht satt zu bekommen. Die Ursachen sind vielfältig und auch politischer Natur. Das Artensterben durch die derzeit gängigen Praktiken in der Landwirtschaft ist nicht weg zu diskutieren.

 

Zudem verstrickt sich die Logik der modernen Landwirtschaft, welche eine komplette Flächennutzung braucht in dem Widerspruch des endlichen Wachstums. Bereits heute reicht die Fläche nicht mehr, zumindest in Deutschland, um ein weiteres Wachstum zu gewährleisten. Und wie geht es dann nach dieser Logik weiter?

 

Vor allem auf das massive Problem des Artensterbens hat die industrielle Landwirtschaft nach dieser Logik bisher keine Antwort, leider.

 

Die industriellen Landwirte behaupten, frei zu sein in ihrer Entscheidung, wie sie wirtschaften. Sind sie in diesem System auch in der Lage, also frei, keine synthetischen Pflanzenschutzmittel zu verwenden? Sind sie frei, Flächen im Sinne der Natur zu schaffen und zu erhalten? Ich behaupte Nein, weil dann der Ertrag nicht reicht, die Preise sind durch den Welthandel und die Konkurrenz der Supermarktketten am Boden, die Subventionen der EU-Agrarpolitik unterstützen derzeit keine Praktik des Naturschutzes. Einzig einige Zuschüsse des Amtes für Landwirtschaft bzw. der Landesämter für Landwirtschaft können genutzt werden für Naturschutz. In Bayern etwa KULAB (Kulsturland Bayern) oder VNP (Vertragsnatuschutzprogramm). Gute Ansätze, doch leider mit zu wenig Erfolg, wie Studien zeigen.

 

Der Ertrag aus so niedrigen Gewinnspannen wie in der industriellen Landwirtschaft erzielt werden können reichen derzeit also nur, wenn man sich als Landwirt oder die Natur ausbeutet. Diese Gewinnspanne entsteht aus Konkurrenz am Weltmarkt, dem Preiskampf zwischen Discountern und dem Luxus, 50% der erzeugten Lebensmittel weg werfen zu können, sowie aus einem hohen Fleischkonsum. Es reicht also monetär betrachtet schon heute nicht mehr für kleinere und zum Teil mittlere landwirtschaftliche Betriebe. Für die Artenviefalt bleibt gar kein Platz mehr übrig.

 

Das heißt, Lebensmittel sind zu billig. Wissen wir ja auch. Es bleibt jedoch dabei, dass auf großen Flächen Pflanzen stehen die für Tierfutter verwendet werden oder sogar als Kraftstoff. Würden wir diese Flächen für Gemüse in Direktvermarktung nutzen, wäre dann der Ertrag (rein von Lebensmitteln) nicht höher? Angemessene Preise müssen folgen. Am Ende wenn wir dann 20 Milliarden Menschen auf der Erde sind, wird alles zusammen brechen, vermutlich sogar schon eher.

 

Daher ist meine Forderung, das Maß des Planeten zu berücksichtigen und das Ende des Wachstums. Es ist nämlich hier bei uns schon lange überschritten. 

 

Ja, die industrielle Landwirtschaft fährt den höchsten Ertrag aller Zeiten ein, doch diese Zeiten sind vorbei. Der Klimawandel und das Artensterben sind so massiv, dass diese Praktik des industriellen wirtschaften in der Landwirtschaft zum erliegen kommen muss. Dann macht diese Art des Wirtschaftens nicht satt, sondern sie wird in einer massiven, vielleicht globalen Hungersnot enden.

 

Aber auch, wenn es nicht so weit kommt, fände ich persönlich eine Welt wie sie uns kurz bevor steht, ohne Blumen, ohne Schmetterlinge und ohne Vögel schrecklich. Und was, wenn am Ende doch das Ökosystem und die Artenvielfalt doch relevant für weiterhin gute Ernten sind? Was für eine Antwort gibt die individuelle Landwirtschaft auf diese Frage?

 

Wir können uns also nicht mit einem Entweder sichere Ernten / Oder Naturschutz begnügen. Wir können auch nicht zurück zur Landwirtschaft wie vor 50 Jahren. Wir müssen also nach vorne blicken und zusammen mit der Politik, den Käufern, den Landwirten und den Umweltverbänden Lösungen finden für eine neue Art der Lebensmittelerzeugung und des Lebens mit der Natur. Und ja, sogar über das grenzenlose Wachstum der Bevölkerung wird neu nachzudenken sein, wenn wir nicht auf einen biologische Lösung warten wollen.

 

Ansätze, die Mut machen

Ja und wo ist ein Ausweg? Die Gemeinwohl-Ökonomie nach Christian Felber ist ein erster Ansatz, der zwar Wettbewerb ermöglicht, die Logik dessen, dass das günstigste Angebot das Beste sei, jedoch durch eine Regelverschiebung aufhebt. So kann ein fairer Wettbewerb entstehen, der Mitmenschen und Natur berücksichtigt.

 

Die SoLaWi (Solidarische Landwirtschaft) ist eine weitere Möglichkeit, die einen Ausweg aus den Klauen der EU-Agrarsubventionen und Chemie-Konzerne bietet. Der Umstieg wird den Landwirten dort unter Begleitung Schritt für Schritt ermöglicht.

 

Öko-Landbau entspannt das Problem der Naturproblematik zu einem Teil, reicht jedoch nicht aus, um das Artensterben aufzuhalten. Dies ist auch in der neuesten Studie der TUM nachzulesen: https://www.tum.de/nc/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/details/35768/

 

Alle Ansätze stimmen hoffnungsfroh und doch sind sie noch nicht weit genug verbreitet. Laut neuester Studien erleben wir immer noch einen unaufhaltsamen Rückgang der Artenvielfalt in Deutschland. Um den Artenrückgang zu stoppen müssen wir richtig viel tun, denn auch die wachsende Anzahl der Bevölkerung und der damit wachsende Flächenverbrauch und die damit einhergehende Infrastruktur spielen eine zentrale Rolle.

 

Hier können veränderte Bauweisen helfen. Städte, welche die Natur nicht ausschließen, sondern integrieren durch Gründächer, grüne Fassaden, naturnahe Parks und Grünanlagen (z. B. nach dem Drei-Zonen-Modell mehr unter: www.lebensinseln.org und www.hortus-netzwerk.de).

 

Es gibt also offensichtliche Zusammenhänge zwischen unserer Art zu leben und dem massiven Artenschwund. Wir müssen uns wohl die Frage stellen, wie man Lebensmittelproduktion und Naturförderung in Einklang bringt und wie man modernes Leben ebenfalls mit der Schaffung von Lebensräumen für Tiere und Pflanzen kombinieren kann. Und dies alles, ehe es zu spät ist und es läuft uns die Zeit massiv davon.

 

Sie möchten mitmachen und mitreden zum Thema Landwirtschaft & Naturschutz. Gerne in unserer Facebook-Gruppe "Drei-Zonen-Landwirtschaft": https://www.facebook.com/groups/260806808158611/

 

Viel Erfolg beim Ausprobieren und Verbreiten neuer Ideen für eine nachhaltigere Welt wünscht euch,

 

euer,
David Seifert

 

 

 

Mehr zum Thema: https://mobil.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Handbuch-Landwirtschaft-fuer-Artenvielfalt.pdf?fbclid=IwAR3xXGlruUUVzGAF_ofnJ3OGCZ2-pmhETsxufNqi0fvWieqh5NfmQoOo3_o

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Astrid Hälbig (Samstag, 02 November 2019 15:44)

    Danke für diese schöne Zusammenfassung unserer Probleme im Zusammenhang von Landwirtschaft und Natur.

    Nicht als Kritikpunkt, sondern als Überlegung, möchte ich anmerken, dass die Landwirte sich wahrscheinlich nicht unfrei fühlen, denn richtig frei ist ja niemand. Immer muss man Kompromisse eingehen. Sie sind frei, zu entscheiden, in welchem System sie arbeiten wollen, aber in jedem System müssen sie sich den Gegebenheiten anpassen. Auch denke ich, dass die Landwirte es nicht als Nachteil sehen, kein eigenes Saatgut zu produzieren, denn dafür werden sie gar keine Zeit haben. Wenn man es als Vorteil sieht, Saatgut kaufen zu können, sieht man nicht gleichzeitig einen Nachteil darin dieses auch zu müssen.
    Liebe Grüße
    Astrid

  • #2

    David Seifert (Samstag, 02 November 2019 20:34)

    Liebe Astrid,

    da gebe ich dir recht. Das ist bestimmt zu einem Teil auch eine große Entlastung. Wenn Landwirte dann jedoch abhängig gemacht werden, durch Saatgut, das nicht mehr von jedem vermehrt werden kann oder vermehrt werden darf, weil Patente darauf liegen, dann finde ich dies sehr bedenklich für die Freiheit. Eine Arbeitsteilung im besten Sinne ist sicherlich nicht zu kritisieren.

    Ein Systemumstieg ist auch nicht für jeden finanziell zu stemmen aber ja, prinzipiell besteht diese Möglichkeit. :-)