Biodiversitätsdächer – darauf kommt es an!

Gründächer werden immer beliebter. Kein Wunder, haben sie doch viele Vorteile im Klimawandel – aber auch, was die Ästhetik angeht.

 

In vielen Städten gehören Gründächer bei Neubauten bereits zum Standard. Macht ja auch Sinn. Städte lassen sich aktiv herunterkühlen, je grüner sie sind. Das zeigen verschiedene Studien zum Thema. Und wer einmal in einem höheren Stockwerk eines Hochhauses in einer City stand und auf ein grünes Dach – und zum Vergleich auf ein nicht begrüntes Dach – geblickt hat, wird klar verstehen, wo der ästhetische Vorteil liegt. Während nicht begrünte Dächer oft nur mit einer dunklen Dachisolierung ggf. mit Kiesauflage aufwarten und faktisch Trostlosigkeit ausstrahlen, lächeln einem auf Gründächern, wenn sie gut gemacht sind, bunte Blumen entgegen oder es stehen sogar Bäume auf den Dächern!

Konventionelle Dachbegrünung

Die häufigste Form der Bachbegrünung ist die sog. "extensive Dachbegrünung". Dafür kommen meist dünne Substratauflagen von ca. 10 cm Stärke zum Einsatz, manchmal weniger. Zudem wird behauptet, dass eine so dünne Schicht bereits 50% bis 70% des anfallenden Niederschlagswassers speichern kann – wobei zumeist verschwiegen wird, für wie lange.

 

In der Regel werden für extensive Dächer auch sog. Extensivsubstrate verwendet. Diese bestehen z. B. aus Lava, Bims, Blähschiefer, Blähton, Ziegelsplitt und Rindenhumus. Dabei können auch Recyclingmaterialien zum Einsatz kommen. Wichtig ist bei einem extensiven Substart die Wasserspeicherfähigkeit. Man kann sich leicht vorstellen, dass 7 bis 10 cm Substrat sehr schnell austrocknet. Entsprechend halten es auch nicht viele Pflanzen so trocken aus. Eine solch dünne Schicht lässt sich z. B. mit Sedum und Sempervivum bepflanzen. Diese halten es sehr trocken aus – allerdings auch nicht auf Dauer.

 

Der Vorteil extensiver Dachbegrünung ist es, dass sie fast auf allen Dächern auch nachträglich installiert werden kann. Das geringe Gewicht des Aufbaus macht es möglich. In der Praxis ist meist dazu zu raten, die häufig aufgebrachte Schutzschicht aus Drainagekies zu entfernen, um Gewicht zu sparen. Der Kies kann durch das Extensivsubstrat ersetzt werden. Aber ACHTUNG: Die Dachabdichtungsfolie muss Wurzelfest sein! Ist sie dies nicht, kann z. B. ein wurzelfestes Vlies oder eine zweite Lage einer wurzelfesten Folie aufgebracht werden, ehe das Substart und die Bepflanzung folgt. Welches Material sich für Ihr Dach eignet, weiss in der Regel der Hersteller oder ein Fachmann.

Das Biodiversitätsdach

Foto: David Seifert (www.hortus-statera.de)

Extensive Dachbegrünungen sind zwar häufig auch nachträglich noch zu realisieren, jedoch bringen sie nicht viel für die Artenvielfalt. In der Praxis lässt sich schon bald beobachten, dass auch die trockenheitsverträglichsten Arten schnell eine ungesunde rötliche Färbung aufweisen, die auf Trockenstress hinweist. Wenn es im Klimawandel noch trockener wird, fallen Teile der Bepflanzung ganz aus.

 

Mehr erreichen lässt sich daher mit sog. Biodiversitätsdächern, wie sie Reinhard Witt (www.naturgartenplaner.de) in München im "Prinz-Eugen-Park" realisiert hat. Die Basis eines solchen Daches ist eine Substratauflage von mindestes 15 – 20 cm, besser mehr. Für diese Art der Begrünung werden Intensivsubstrate mit einem höheren Anteil organischer Materialien verwendet. Die Wasserspeicherkapazität ist ein Schlüsselkriterium, um mehr Artenvielfalt aufs Dach zu bekommen. Um dabei möglichst ökologisch zu arbeiten, verzichtet das Biodiversitätsdach auf Speichervliese oder Näpfchen aus Kunststoff für die Wasserspeicherung und setzt stattdessen auf einen höheren Aufbau und Substrate, wie sie in der Regel für Dachgärten verwendet werden.

 

Jetzt lässt sich so gut wie jede heimische Staude aufs Dach bringen die es in voller Sonne aushält. So lässt sich nicht nur eine höhere Artenvielfalt erreichen, sondern es lassen sich auch gestalterisch Akzente setzten, z. B. mit Halbsträuchern und Zwerggehölzen. Zwergehölze für Dächer ab einer Substratstärke von 25 bis 35 cm (Kompostanteil 20 – 30%) sind z. B.: Zwerg-Felsenbirne (Amelanchier ovalis var. pumila), Kriech-Weide (Salix repens), Kriechende Bibernell-Rose (Rosa pimpinellifolia repens) oder Färber-Ginster (Genista tinctoria) (Quelle: "Naturnahe Dachbegrünung von Brigitte Kleinod und Friedhelm Strickler" https://www.lebensinseln-shop.de/shop/lesen-lernen/b%C3%BCcher/#cc-m-product-9765940950)

Wer eine so hohe Schicht Substrat auf sein Dach häufen möchte, muss dies natürlich statisch berücksichtigen. Es reichen jedoch schon 12 - 15 cm, um eine höhere Artenvielfalt als auf einem extensiv-Dach zu erreichen. Auf einem Biodiversitätsdach fühlen sich heimische Wildstauden wohl, die als Initialstaude gepflanzt werden. Ca. 4 bis 6 Stauden pro Quadratmeter. Die Lücken können mit einer passenden Saatgutmischung für Dachbegrünung (z. B. Rieger-HofmannSyringa) eingesät werden. Naturgarten-Fachbetriebe / Naturgarten-Profis stellen auch eigene Mischungen her, um gestalterische Aspekte zu betonen. Das ist aber eher etwas für Profis.

 

Passende Stauden für ein Gründach mit Intensivsubstrat sind z. B. Mittleres Zittergras (Briza media), Duft-Schafgarbe (Achillea nobilis), Hügel-Meister (Asperula cynachica), Schwarze Königskerze (Verbascum nigra), Schöner Lauch (Allium carnatum ssp. pulchellum), Ysop (Hyssopus officinalis) und Goldhaar-Aster (Aster linosyris). Als Bodendecker fungiert der Feld-Thymian (Thymus pulegioides).

 

Nun finden viel mehr Insekten und Vögel Nahrung, als auf einem herkömmlich begrünten Dach. Aber damit nicht genug. Es geht noch mehr! Wie wäre es mit einem kleinen Teich als Tränke für Insekten und Vögel? Oder mit Steinhaufen, Standhaufen und Totholz als Unterschlupf und Eye-Catcher!? Totholz spendet Leben für Käfer und dient Wildbienen als Nisthilfe. Sandhaufen, wenn sie hoch genug sind (mindestens 40 cm), dienen ebenfalls Wildbienen, um ihre Nisthöhlen zu bauen. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf und gestalten Sie Ihr Dach mit Hügeln und Senken. Werden die Senken ausgestattet mit Folie, ehe weitere 10 cm Dachsubstrat darüber kommen, wachsen in den feuchten Senken unter Umständen Pflanzen, die es an anderen Stellen auf dem Dach nicht aushalten würden. 

 

Beachten Sie dabei jedoch stets die Statik und zulässige Höchstlast, gerade auch bei punktuellen Belastungen oder Wasseransammlungen auf dem Dach! Vor allem speichern höhere Substratdicken auf Dächern mehr Wasser. Dies wirkt sich positiv aus, da bei Starkregenereignissen viel Wasser dauerhaft zurückgehalten wird oder mit langer Verzögerung abfließt. So ist das Hochwasserrisiko deutlich minimiert.

 

Natürlich kann auch kulinarisch einiges auf dem Dach erreicht werden. Bei wirklich hohen Substratauflagen lassen sich richtige Gemüsebeete anlegen. So kann das Drei-Zonen-Gartenmodell auf dem eigenen Dach einziehen. Dies spielt vor allem dann eine Rolle, wenn es um die Pflege des Gründaches geht. Denn Gründächern mit artenreichen Wiesenstauden müssen mindestens einmal pro Jahr gemäht werden!

Pflege von Biodiversitätsdächern

Je biodiverser ein Gründach gestaltet wird, desto mehr Pflege ist natürlich auch zu leisten. Beispielsweise müssen Baumsämlinge regelmäßig entfernt werden. Eine Wiese auf dem Gründach muss natürlich ebenfalls regelmäßig gepflegt, mindestens also einmal jährlich gemäht werden. Damit der Artenreichtum erhalten bleibt, ist das Mähgut zu entfernen. Natürlich kann es einfach vom Dach geworfen und kompostiert werden. Noch leichter ist es selbstverständlich, wenn das Dach auch über eine sog. "Ertragszone", also ein Gemüsebeet verfügt. Hier lässt sich das Mähgut zur "Mulchwurst" gerollt als Dünger aufbringen. Das Heu verrottet langsam und versorgt das Gemüsebeet mit Humus. So ist nicht nur der Naturgartengedanke auf dem Gründach realisiert, sondern sogar Permakultur möglich.  

Entwicklungspflege – so klappt's!

Ein Gründach ist in der Pflege relativ einfach. Doch wenn es neu angelegt wird, sollte man die ersten ein bis drei Jahre regelmäßig (etwa zweimal pro Jahr) danach sehen, ob auch nur das wächst, was erwünscht ist. Gerade in der Zeit, bis sich die Lücken in der Vegetation geschlossen haben sind entscheidend. Unkräuter wie Weissklee (Trifolium repens), Kanadische Goldrute, Französisches Berufkraut, etc. lassen sich jetzt gut erkennen und rechtzeitig entfernen, ehe sie sich verbreiten. Ist die Pflanzendecke aus Wildkräutern und Wildblumen erste einmal geschlossen, haben diese Unkräuter meist weniger Chancen Fuß zu fassen.

Bewusst geschaffene Lücken lassen immer wieder spontane Vegetation z. B. durch zweijährige Wildstauden wie den Natternkopf (Echium vulgare) zu.

Was es noch zu bedenken gibt …

Für eine korrekte Ausführung ist es unbedingt nötig, einen Statiker hinzuzuziehen sowie jemanden, der sich mit dem Mischen hochwertiger Dachsubstrate auskennt. Das Ausbringen auf dem Dach ist in der Regel durch gut ausgestattete Baufirmen zu realisieren. Beachten Sie, dass am Rand des Daches ein sog. "Drainagestreifen" eingebaut wird der frei von feinem Substrat bleibt, um überschüssiges Wasser abzuführen und einer Wasseransammlung auf dem Dach vorbeugt.

 

Damit jetzt auch die naturnahe Begrünung gelingt, kann ich empfehlen, einen Naturgarten-Profi bzw. Naturgarten-Fachbetrieb (https://naturgarten.org/mitgliedsbetriebe/) mit der Grünplanung zu beauftragen. Amerikanische Sonnenhüte oder Asiatische Astern mögen schön aussehen, haben für die gewünschte Biodiversität aber nichts zu bieten. Nur heimische Stauden und Kleingehölze sind als Nahrungsangebot für Bienen, Fliegen, Wanzen, Käfer und Raupenfutterpflanze für Schmetterlinge wirklich wertvoll und nutzbar.

 

Auch ich unterstütze Sie gerne als Naturgarten-Planer oder empfehle Fachkollegin in Ihrer Nähe: www.hortus-statera.de

Ich wünsche Ihnen schon jetzt viel Spaß beim Anlegen und bestaunen Ihres Biodiversitäts-Daches!

 

 

Ihr, 
David Seifert

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