Zwölf Forderungen an die EU-Agrar-Politik

Ich habe diesen Aufruf an alle Naturschutzinstitute gesendet, die mir bekannt sind. Ich hoffe, wir können gemeinsame Aktionen initiieren, welche die Zerstörung der Natur und Landschaft beenden und dafür Natur aktiv zurück in unsere Landschaft bringt. Ich fordere die Bevölkerung auf, eine Flurbereinigung rückwärts zu unterstützen, sozusagen. Der Lohn wären Landschaften, in denen zu leben und zu wandern es sich noch lohnt. Zur Zunahme des persönlichen Glückes in intakter Natur würde auch eine Stärkung des ökologischen Gleichgewichtes kommen. Nicht zuletzt würde eine Umkehr in der Form der Bewirtschaftung unserer Agrarflächen langfristig sich positiv auf das Klima auswirken, lokal und global. Die neue gesellschaftliche Aufgabe muss es daher sein, Biotope, ja so viel intakte Natur wie möglich zu schaffen.

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Als langjähriger, sehr aktiver Naturschützer bin ich über die aktuell laufenden Bauernproteste gegen Auflagen zum Schutz der Umwelt und vor allem Natur erschrocken bis entsetzt. Ich kenne die Situation unserer Landwirte aus zahlreichen Veranstaltungen und Gesprächen und kann sie weiss Gott verstehen.

 

Doch solange es ein Gegeneinander zwischen Naturschutz und Landwirtschaft gibt und von Landwirten ein "weiter wie bisher!" gefordert wird, wird sich weder die Situation der Landwirte, noch die erschreckende Lage unserer heimischen Natur verbessern lassen.

Was es braucht, aus meiner Sicht, sind umfassende Konzepte, wie Landwirtschaft ökologisch und mit deutlich mehr intakter Natur gelingen kann.

 

 

Zwölf Forderungen für nachhaltige Landwirtschaft:

 

1) Die Wettbewerbssicherheit deutscher Landwirte muss durch eine Beschränkung des Freihandels gestärkt werden. Es kann nicht sein, dass Produkte, die unter keinerlei Berücksichtigung von Naturschutzauflagen und weiterer Auflagen hinsichtlich Arbeitsschutz etc. aus dem Ausland kommen den Markt hierzulande zerstören, wo sich Landwirte an viele Auflagen halten müssen.

 

2) Der Einzelhandel und Großverarbeiter bäuerlicher Erzeugnisse müssen darauf verpflichtet werden, regionale und ökologisch erzeugte Produkte vor ausländischer Ramschware zu verarbeiten. Es kann nicht sein, dass Großverbraucher (Lebensmittelverarbeiter) ihre Waren billig aus dem Ausland beziehen und Bauern hierzulande keinen Absatzmarkt für ihre Erzeugnisse mehr finden – speziell die teureren Produkte aus ökologischer Produktion. Daher könnte man Produkte aus nicht regionaler, nicht ökologischer Produktion mit 19% besteuern, alle anderen bleiben bei 7%. So wäre sofort ein gewisser Ausgleich geschaffen und die Mehreinnahmen an Steuern könnten direkt in Subventionen für Naturschutz und ökologische Landwirtschaft investiert werden.

 

3) Die Auswirkungen auf unsere Umwelt und Natur müssen bei den Lebensmitteln mit eingepreist werden! Es kann nicht sein, dass Produkte in den Handel gebracht werden, welche dem Grundsatz des nachhaltigen Handelns widersprechen durch lange Co2-aufwändige Transportwege oder gewonnen durch den Einsatz von Pestiziden und Herbiziden unter massiver Naturzerstörung den Vorzug des günstigeren Preises genießen.

 

4) Verbraucher müssen durch eine sehr hohe Transparenz und deutliche Kommunikation in die Lage versetzt werden beurteilen zu können, wie ein Lebensmittel produziert wurde. Es kann nicht sein, dass EU-Öko und -Biosiegel für den Otto-Normalverbraucher suggerieren, es handle sich um einwandfreies Bio und es gäbe keinen Unterschied zu Labels wie Demeter oder Bioland. Man könnte dagegen Produkte, die von weit her kommen und mit Pestiziden behandelt wurden mit Warnhinweisen versehen.

 

5) Landwirte müssen sich am Überleben von Natur und Landwirtschaft beteiligen können, indem ihnen klar deutlich gemacht wird, was sie tun können zum Schutz der Natur und was dagegen Natur und Artenvielfalt zerstört. Es kann nicht sein, dass Lobbygruppen der Agrar-Chemiekonzerne ihre Produkte als Heilsbringer vermarkten, während seriöse Wissenschaft das Gegenteil vielfach bewiesen hat. Ich sehe darin sogar ein Verbrechen gegen die Menschheit.

 

6) Landwirte müssen in die Lage versetzt werden, kleinteilig und mit der Natur arbeiten zu können – vielleicht sogar Naturschutz betreiben zu können – und gleichzeitig davon ein Auskommen zu haben. Es kann nicht sein, dass Wachstum gefördert wird anstelle beschränkt zu werden! Eine einfache Quote könnte dafür sorgen, dass ein fairer Wettbewerb ermöglicht wird. Ein großer Landwirt dürfte dann beispielsweise nicht mehr als z. B. 100x so viel Fläche bewirtschaften dürfen, wie ein kleiner.

 

7) Jeder Landwirt muss mehr dafür belohnt werden, einen bestimmten %-satz ihrer/seiner Fläche als Naturschutz-Biotop zu betreiben, als die Fläche intensiv zu bewirtschaften. Es kann nicht sein, dass Landwirte für die Nutzung des letzten Restes Land bezuschusst werden. Dagegen müsste der Landwirt belohnt werden für die Schaffung von Biotopflächen. Je größer desto höher muss eine Prämie dafür ausfallen. Eine Prämie die sich mehr rechnet, als das Abholzen des nächsten Feldgehölzes und das Umpflügen der nächsten Wiese um einen Grasacker daraus zu machen ist überfällig!

 

Durch Wettbewerbe, die besonders naturnah wirtschaftende Landwirte öffentlichkeitswirksam auszeichnen, könnte hier auch eine öffentlichkeitswirksame Kampagne zur Stärkung des bäuerlichen Images erreicht werden.

 

8) Landwirte müssen unterstützt werden, diverse Lebensmittel erzeugen und direkt vermarkten zu können. Es kann nicht sein, dass Betriebe zu einer immer höheren Spezialisierung gezwungen werden, da nur noch der Preis zählt. Menschen möchten sich regional und ökologisch versorgen, doch dies ist nur schwer möglich, bei hoch spezialisierten Betrieben. Eigene Hofländen könnten hier eine Lösung sein, für eine Direktvermarktung und gegen große Monokulturen.

 

9) Die EU-Politik muss steuernd eingreifen und naturnahe, pestizidfreie und kleinteilige Landwirtschaft ermöglichen! Es kann nicht sein, dass Chemiekonzerne Millionen in Lobbyarbeit stecken dürfen, um Politiker und Landwirte von ihren naturzerstörenden Produkten zu überzeugen. Ob dies nun Saatgut ist, das nicht mehr reproduziert werden kann oder Ackergifte, die für neue Hochleistungssorten nötig sind. Das schafft eine zunehmende Abhängigkeit der Landwirte von Industrieerzeugnissen.

 

10) Die Politik muss Neuversiegelung von Fläche unterbinden und den Flächenfraß stoppen! Es kann nicht sein, dass immer mehr Landfläche für Industriebauten und Infrastruktur versiegelt werden. Die Neuversiegelung von landwirtschaftlich nutzbaren Flächen muss untersagt werden. Ausgleichsflächen reichen nicht! Für jeden neu versiegelten Quadratmeter muss ein anderer Quadratmeter der Natur zurück gegeben werden!

 

11) Die Politik muss Flächenspekulationen unter Strafe stellen! Es kann nicht sein, dass Privatpersonen und Unternehmen damit Geld verdienen, Flächen zu handeln mit dem Ziel der Geldvermehrung. Das Resultat sind immer mehr Druck auf die Landwirte in der EU und speziell in Deutschland. Dieser zunehmende Preisdruck verschärft nicht nur die Wettbewerbsbedingungen, es zwing die Landwirte auch dazu, immer intensiver und radikaler gegen die Natur zu wirtschaften. Dies muss ein Ende haben!

 

12) Die EU-Politik muss in Forschung und Entwicklung von lokalen und regionalen Nahrungs-Erzeugs-Konzepten investieren! Es kann nicht sein, dass Lebensmittel immer häufiger aus dem Ausland stammen, während regionale Strukturen zur Erzeugung nicht genutzt und gefördert werden. Jeder Bürger sollte in der Lage sein, entweder selbst Lebensmittel zu erzeugen oder in unmittelbarer Umgebung erzeugte, ökologisch produzierte Lebensmittel zu erwerben.

 

Die aktuelle EU-Wachstums-Agrarpolitik betreibt eine massive Fehlsteuerung, welche zur Verödung der Landschaft in ganz Europa führt und in den hoch entwickelten Ländern der EU wie Deutschland sind wir fast soweit, dass es kaum noch intakte Natur im ökologischen Gleichgewicht gibt. Pestizide und aktuelle großflächige Bewirtschaftungsformen mit Monokulturen müssen verboten werden!

 

Die aktuelle Form der Landwirtschaft führt nicht zu glücklicheren, nicht zu satteren und vor allem nicht zu gesünderen Bürgern. Wir brauchen keine Überproduktion und Wegwerf-Gesellschaft. Was wir brauchen ist Natur zur Erholung, schöne Landschaften, nach denen wir uns zu jederzeit sehen. Wir können Sie schaffen!

 

Wir müssen das rückgängig machen, was unsere Vorfahren zur Stärkung der Wirtschaft kaputt gemacht haben. Begradigte Flüsse müssen renaturiert, Moore wieder überflutet werden. Intakte, zwei mal im Jahr gemähte oder beweidete Wiesen müssen wieder zum gängigen Standard werden. Alle Landschaftstypen wie Auen, Wiesen, Weiden, Wälder, Heckenstrukturen, Moore, Hohlwege, Hügel, Senken, natürliche (Ur)-Wälder müssen wieder zurück kehren in das Landschaftsbild. Eine schonende Bewirtschaftung ist auch in diesen Landschaften möglich und vor allem ist dies der einzige Weg, wie ein Überleben von Mensch und Natur auch für kommende Generationen gesichert werden kann.

 

Wer, wenn nicht die großen Naturschutzverbände, Naturschutznahe Parteien und jeder einzelne Naturschützer und Landwirt, jeder erweckte Bürger könnte durch gezielte Forderungen auf die Gesellschaft und Politik einwirken? Zumindest zu Gegenprotesten aufrufen, welche kein "weiter wie bisher" sondern neue Wege der Landwirtschaft zum Erhalt und Schutz unserer heimischen Natur fordern?

 

Ich trage daher meine Bitte an Sie alle heran: Lassen Sie uns gemeinsam eine Kampagne für Naturschutz in der Landwirtschaft fordern. Lassen Sie uns einen Forderungskatalog mit Vorschlägen ausarbeiten, der Landwirtschaft und Naturschutz fördert und vereint, indem er das unsägliche immer mehr immer billiger beendet. Lassen Sie uns die Massen auf die Strassen bringen, damit die Politik endlich handelt!

 

Ich würde mich freuen, weiter mit Ihnen ins Gespräch zu kommen, um gemeinsam Maßnahmen und Aktionen erarbeiten zu können. Lassen Sie uns unsere Natur erhalten und wieder zurückholen!

 

Herzlichst, Ihr

David Seifert

 

PS: Und um das Rad nicht neu erfinden zu müssen – es gibt zahlreiche Beispiele, wie Landwirtschaft und Naturschutz zusammen gehen können. Eines finden Sie hier: https://mobil.wwf.de/fileadmin/fm-wwf/Publikationen-PDF/Handbuch-Landwirtschaft-fuer-Artenvielfalt.pdf?fbclid=IwAR2doOaydUjXrwecKhp3XXNgX8rFPfKbwajxM2eqwcOO2T4HbBdSRF5bqyY

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